Hüttenliebe

Cécile und Hanspeter Reiss lernten als Hüttenwarte der Grialetschhütte das einfache Leben kennen – in all seiner Pracht und mit all seinen Tücken.

 

Cécile legt den Feldstecher neben sich auf die Bank und schüttelt den Kopf (in den Bergen ist man per Du, Anm. d. Red.). Sie ist Meisterin darin, Steinböcke, Gämsen und Adler zu entdecken. Aber heute ist alles ruhig. Nicht nur um, sondern auch in der Grialetschhütte. Es liegt aussergewöhnlich viel Schnee in den Bündner Bergen. Die meisten Wanderer haben ihre Reservation storniert.

Die Natur entscheidet

Die Wetterkapriolen verfluchen? Oder sich über die Absagen empören? Das liegt Cécile (56) und Hanspeter (63) fern. Nach über 25 Sommern als Hüttenwarte der Grialetschhütte wissen beide: Auf 2’542 Metern über Meer, irgendwo zwischen Davos und dem Flüelapass, umgeben von Dreitausendern und anderthalb Stunden Fussmarsch entfernt vom nächsten Nachbarn, bestimmt die Natur den Alltag.


«Wir haben gelernt, das Leben so zu nehmen, wie es kommt», sagt Hanspeter. Und dann erzählt er von jenem Sommer, als Blitze innert wenigen Wochen gleich fünfmal die hütteneigenen Solarzellen beschädigten und man ohne Strom auskommen musste. Cécile erinnert sich an Schneestürme im Oktober, die den Abstieg ins Tal tagelang verunmöglichten. Doch das war nichts im Vergleich zu jenem Winter, als Hanspeter, der die Hütte auch zwischen Februar und April für Schneeschuhwanderer und Tourenskifahrer bewirtschaftet, wegen schlechten Wetters zehn lange Tage mausbeinallein in der Hütte festsass.

Ohne Dusche, ohne Internet

Manche der 153 Hütten des Schweizer Alpenclubs (SAC) sind heute wahre Boutique-Hotels. Nicht die Grialetschhütte. Sie ist geblieben, was sie seit 91 Jahren ist: eine urchige Berghütte aus massivem Granit. Die vier Lager mit insgesamt 61 Matratzen sind eng und ringhörig, Duschen sucht man vergebens, ebenso wie WLAN und Handyempfang. Hier ist Abschalten angesagt. Das fällt nicht schwer: Ein Biss in Céciles Linzertorte aus dem Holzbackofen, ein Blick auf den Grialetschgletscher oder auf die Murmeltierbande hinter dem Haus – und schon hat einen die Natur, das einfache Leben in den Bann gezogen.


Auch bei Cécile war es die Sehnsucht nach Einfachheit, die sie als 30-Jährige in die Grialetschhütte lockte. «Ich hatte auf einer Wanderung gesehen, wie sich die Hüttencrew mit kaltem Wasser die Haare wusch und mit den Gästen Lieder sang», erinnert sich die gelernte Sozialpädagogin. «Das wollte ich auch erleben – zumindest mal eine Saison lang.» Also kam Cécile als Angestellte und lernte nicht nur das Leben ohne Schnickschnack kennen, sondern auch Hanspeter, den Hüttenwart. Seither kommen die beiden Jahr für Jahr im Juni gemeinsam hoch. Für Hanspeter ist es der 33. Sommer in der Hütte, für Cécile der 26.

Mit Kindern in der Hütte

Keine Saison liessen sie aus: nicht, als Cécile hochschwanger war, nicht, als die Kinder im Krabbelalter die enge Hütte noch enger machten, und auch nicht, als sie etwas später ständig ausbüxten, um auf wackeligen Beinen die umliegende Gebirgslandschaft zu erkunden.


So vergingen die Sommer, und aus Seraina und Flurin wurden echte Hüttenkinder. Sie vergnügten sich mit Steinen und Stöcken, machten sich Fremde zu Freunden und beobachteten Murmeltiere und Füchse aus nächster Nähe. Als sie dann zur Schule mussten, wanderte Mutter Cécile jeweils am Sonntag mit den Kindern runter ins Daheim nach Davos und am darauffolgenden Freitag wieder hoch in die Hütte. Nie beklagten sich die Kinder über die steilen Pfade, die Distanz zu den Schulfreunden oder das Leben «en miniature» in der Hütte.

Alles in Handarbeit

Inzwischen arbeitet Seraina (21) als Hotel- und Gastrofachfrau, und Flurin (17) lernt Netzelektriker. Ab und zu besuchen die beiden ihre Eltern in der Hütte; dann packen sie wie früher mit an. Schliesslich kennen sie die kräftezehrenden 16-Stunden-Tage der Hüttenwarte und wissen, was zu tun ist: Reservationen bearbeiten, Schlafplätze zuteilen, kochen auf dem Feuer, von Hand abwaschen und Gäste über anstehende Touren beraten.

Alle zwei, drei Wochen marschiert Hanspeter, der gelernte Elektromonteur, nach Davos und kauft ein. Den Einkauf – rund anderthalb Tonnen schwer – lässt er per Helikopter zur Hütte fliegen. «Der Heli könnte mehr laden», erklärt Hanspeter. «Aber uns fehlt in der Hütte der Stauraum, um Frischware lagern zu können.» Äpfel, Brot, Salat sind fern der Zivilisation Luxusgüter.

Weit weg vom Arzt

Das Leben in den Bergen ist gut für Geist und Körper – eigentlich. Aber was, wenn jemand einen entzündeten Blinddarm hat? «Von gröberen Krankheiten blieben wir hier oben zum Glück verschont», sagt Cécile. «Und bei Wehwehchen wissen wir uns mit Hausmitteln selbst zu helfen.» Aber die Reiss’ brauchten auch schon die Rega: als es Hanspeter wegen seines entzündeten Fusses nicht ins Tal schaffte, als Cécile sechs Meter tief in eine Gletscherspalte fiel und als Flurin als Zweijähriger den Kopf an einem Stein aufschlug. Zum Glück nahmen die Notfälle ein gutes Ende: Hanspeters Fuss heilte, Cécile kam wie durch ein Wunder mit Schürfungen davon, und Flurins Wunde konnte geleimt werden.

Das Ende einer Ära

Hüttengeschichten – Cécile und Hanspeter kennen dutzende. Bald aber beginnt für die beiden ein neues Kapitel: Wenn 2021 die Grialetschhütte saniert wird, erwartet Cécile und Hanspeter ihr erster gemeinsamer Sommer im Tal. «Dann haben wir endlich Zeit, andere Hütten zu besuchen», sagt Cécile. Hanspeter schweigt. Er blickt mit dem Feldstecher gen Himmel, reicht ihn seiner Frau weiter und zeigt auf einen weit entfernten Punkt. Unlängst sei ein Bartgeier so nah an der Hütte vorbeigeflogen, dass es in der Küche dunkel wurde, erzählt er – als wie aus dem Nichts eine Gruppe Wanderer auf die Terrasse tritt. Cécile und Hanspeter müssen den Vogel ziehen lassen. Arbeit wartet.

 

Experteninterview mit Bergführer Paulin Cathomas

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