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«Flexibilität ist die grösste Herausforderung»

Berufstätigkeit und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen, erfordert viel Organisationstalent. Sind es gar mehrere Arbeitsplätze wie bei Tiziana Caneve, so ist zusätzliche Flexibilität gefordert. Ein grosser Vorteil dabei ist, wenn Arbeitsplatz, Kinderbetreuung und Wohnort nah beieinander liegen.

Noch schnell die Wäsche aufhängen, schnell das Geschirr vom Mittagessen in die Küche tragen und abwaschen, schnell prüfen, ob Sohn Davide alles Nötige in seiner Tasche hat – und ihn dann schnell zum Schlagzeugunterricht bringen. «Es muss alles schnell, schnell gehen», sagt Tiziana Caneve beim Dessert. Wegen des engen Terminkalenders findet das Interview während des gemeinsamen Mittagessens mit den Kindern statt. «Ich wäre manchmal froh, wenn der Tag ein paar Stunden mehr hätte.» Doch ab und zu finde sich jeweils schon etwas Zeit, die sie für sich nutzen könne, meint die vielbeschäftigte Frau.

Zwischen 60 und 80 Prozent arbeitet die Mutter der zwölfjährigen Estefania und des sechsjährigen Davide. Ihr Pensum teilt sich auf verschiedene Tätigkeiten auf: auf die Betreuung im Kinderhort, in den auch ihre Kinder gehen, auf Reinigungsarbeiten im Kinderhort, im Schulhaus und bei Privatpersonen sowie auf die Mithilfe beim Kinderturnen im Schulhaus. Zusätzlich gibt Tiziana Caneve Kurse in Glaskunst, in denen aus Glasscheiben kunstvolle Schalen und Töpfe gefertigt werden. Diese sind vor allem vor Weihnachten, vor Ostern und vor dem Muttertag gefragt, wenn Kinder Geschenke für Eltern und Paten basteln. Tiziana Caneves Partner arbeitet zu hundert Prozent. Dass die Organisation der Kinderbetreuung bei ihr liegt, sei für sie klar, denn ihr Partner sei nicht der Vater der Kinder. «Klar schaut er zu den Kindern, wenn ich abends oder mal am Wochenende im Schulhaus putze. Grundsätzlich bin aber ich zuständig.»

Flexibilität ist unabdingbar

Bei so vielen verschiedenen Beschäftigungen sind Organisationstalent und Flexibilität gefragt, um alle Termine unter einen Hut zu bringen. Beispielsweise am Tag des Interviews: Die Lehrer sind in der Weiterbildung und die Kinder zu Hause. «Man kennt sich im Quartier und hilft sich dann jeweils gegenseitig aus», sagt Tiziana Caneve, «manchmal springt auch meine Mutter ein, die gleich um die Ecke wohnt.» Ist Not am Mann, respektive an der Frau, können die Kinder auch kurzfristig einige Stunden zusätzlich in den Hort gehen. Normalerweise sind sie dreimal die Woche über Mittag im Kinderhort, Davide zusätzlich einen Nachmittag. Möglich ist meine Arbeitstätigkeit nur deshalb, weil Wohnort, Arbeitsplätze und Kinderkrippe nah beieinander liegen», betont Tiziana Caneve. Die Krippe ist auf dem Areal der Schule, wo Tiziana Caneve auch putzt, die Glaskunst­-Kurse gibt sie zu Hause. Der Kinderhort und alle Arbeitsorte sind zu Fuss erreichbar. «Hätte ich fixe Arbeitszeiten wie etwa bei einer Bank, oder müsste ich in der Innenstadt oder nur schon in einem anderen Quartier arbeiten, wäre die Organisation von Kinderbetreuung und Arbeit kaum möglich», sagt sie. «Ich bewundere andere Mütter, die eine solche Belastung schaffen.» Ein riesiger Vorteil seien die vielen Wochen Ferien. «Haben die Kinder Ferien, so habe auch ich frei.» Andere Eltern müssen für diese Zeit jeweils eine zusätzliche Betreuung finden, sei dies in einem Ferienlager oder bei den Grosseltern. Tiziana Caneves Flexibilität schätzt auch die Schule als Arbeitgeber. So ist es Tiziana Caneve möglich, auch spät abends noch Reinigungsarbeiten zu verrichten; etwa nach Vereinsanlässen in Schulräumen, die am nächsten Morgen wieder gebraucht werden.

Langfristig lohnt sich die Arbeit sicher

Auf die Frage, ob sich die Berufstätigkeit finanziell lohne, winkt Tiziana Caneve ab. Die Hälfte ihres Lohnes für die Betreuungsarbeit im Kinderhort geht für die Betreuung ihrer eigenen Kinder gleich wieder an den Hort zurück. «Es kostet schon viel», meint sie. Einige Eltern organisieren sich deshalb privat, mit sogenannten Tagesmüttern. Tiziana Caneve hat früher auch als Tagesmutter andere Kinder betreut. «Doch der Lohn ist mit fünf bis acht Franken pro Stunde extrem niedrig.» Deshalb schätzt sie ihre Beschäftigung bei ihren aktuellen Arbeitgebern umso mehr. Nicht nur vom finanziellen Aspekt her: «Langfristig habe ich so die besseren Chancen im Berufsleben.»

Zeit für sich selbst werde sich schon wie­ der finden, ist Tiziana Caneve überzeugt, während sie den Kaffee holt. Denn die Kinder sind regelmässig an jedem zweiten Wochenende beim Papi. Und in den Sommerferien werden sie sogar zwei Wochen zu ihm in die Ferien fahren. Darauf freuen sich nicht nur Estefania und Davide.