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Wagnis Sport

Basejumping, Downhillbiking, Freeclimbing – Risikosportarten liegen im Trend. Was viele nicht wissen: Versicherer können Leistungen kürzen oder gar streichen, wenn verunfallte Sportlerinnen oder Sportler gar zu viel gewagt haben.

Ein dumpfer Knall und Remo Cortesi wusste: Das war jetzt ein Schritt zu viel. Während ihn die Schneemassen mitrissen, dachte er an seine Familie, an seine Frau, an seine damals einjährige Tochter.

Remo Cortesi ist ein erfahrener Alpinist. Mit sechs Jahren bestieg er mit seinem Vater den Sassalbo, mit 16 den Piz Bernina, später den Pizzo Badile über die schwierige Nordkante. Er ist ausgebildeter Leiter für Skitouren und Bergsteigen und erkannte auch die Gefahr, die am Unglückstag in dieser schneereichen Mulde lag. In der Nacht zuvor hatte ein Nordwind viel Schnee verweht. Er entschied gemeinsam mit seiner Tourenpartnerin, die Mulde über den fast schneefreien Hangrücken zu umgehen. Doch ein Tritt auf die Schneekante, und das Schneebrett ging ab. Sein Glück: Nach zehn Metern kam die Lawine zum Erliegen. Er konnte sich selbst befreien.

Sport ist nie risikofrei, doch bestehen grosse Unterschiede in der Höhe der Risiken und der Schwere der Unfälle, wenn etwas passiert. Am häufigsten verunfallen in der Schweiz Ballsportler – allerdings  selten mit gravierenden Folgen. Im Bergsport verhält es sich umgekehrt: Unfälle sind seltener, doch haben oft schwere Konsequenzen. Für 142 Bergsportler endete das Abenteuer in den Schweizer Bergen 2015 sogar tödlich (Quelle: SAC).

Am Ende entscheidet das Bundesgericht

Was viele nicht wissen: Das Risiko, das Sportlerinnen und Sportler eingehen, kann Folgen haben hinsichtlich der Höhe der Versicherungsleistungen, falls sie verunfallen. Immer gedeckt sind die Heilungskosten. Hingegen können Versicherer bei Nichtberufsunfällen, die auf sogenannte Wagnisse zurückgehen, Taggelder, allfällige IV-Renten oder schlimmstenfalls das Todesfallkapital kürzen oder gar verweigern.

2014 brach sich der 27-jährige Strassenbauer A. das linke Handgelenk, als er beim Dirtbiken stürzte. Bei diesem Trendsport hüpfen Velofahrer von Schanze zu Schanze. Mit Erstaunen erfuhr A., dass ihm die SUVA 50 Prozent der Taggelder streichen wollte. Er rekurrierte und machte vor Gericht geltend, er habe die Parkregeln befolgt und eine Schutzausrüstung getragen. Der Fall ging bis vors Bundesgericht, das in letzter Instanz der SUVA Recht gab: Das Dirtbiken sei ein «absolutes Wagnis», da sich das Verletzungsrisiko auch mit Ausrüstung auf kein vernünftiges Mass reduzieren liesse.

Absolute und relative Wagnisse

Die Versicherer führen eine Liste, auf der sie Risikosportarten in absolute und relative Wagnisse unterteilen (siehe Seite 5). Zwar ist diese Liste nicht abschliessend, und letztlich entscheidet jeder Versicherer selbst, ob er Leistungen streicht oder nicht, doch gibt sie Aufschluss darüber, wer mit welchen Kürzungen rechnen muss. So muss jemand, der bei einem absoluten Wagnis verunfallt, mindestens mit einer Halbierung der Geldleistungen rechnen.

Remo Cortesi hingegen hätte keine Kürzungen befürchten müssen, selbst wenn das Lawinenunglück weniger glimpflich verlaufen wäre und Geldleistungen nach sich gezogen hätte. Bergsteigen, Klettern und Tourenskifahren gelten als «relative Wagnisse», bei denen Sportler die Risiken durch entsprechende Massnahmen auf ein vernünftiges Mass minimieren können. So war Cortesi am Unglückstag perfekt vorbereitet: Das Wetter war stabil, das Lawinenbulletin gab bezüglich Lawinenrisiko Entwarnung. Trotzdem erwischte es ihn. «In den Bergen bleibt ein Restrisiko», weiss der Puschlaver.

Risiken liegen im Trend

Vor allem junge, jung gebliebene und meist männliche Sportler verhalten sich oft gegenteilig: Sie minimieren Risiken nicht, sondern maximieren sie. Denn Risiken einzugehen, liegt im Trend, verspricht Anerkennung, Ruhm und Geld. Es ist kein Zufall, dass eines der erfolgreichsten Marketingkonzepte der letzten 20 Jahre auf Risikosportarten basiert – es hat einige extreme Risikosportler wohlhabend und den Besitzer von Red Bull zum Multimilliardär gemacht.

An die möglichen Konsequenzen denken die Wenigsten. Weil sie versichert sind, wähnen sie sich in einer Vollkaskogesellschaft. Nach dem Motto: Bezahlt habe ich schon, nun kann ich Gas geben, wie ich will – Versicherungswissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von Fehlanreizen, vom «Moral Hazard».

Und so kommen jährlich neue Sportarten mit Adrenalinversprechen dazu. Früher gab es Motorsportrennen und Boxwettkämpfe, heute Basejumping, Speedflying, Dirtbiking, Wingsuitflying, Freeclimbing. Die Versicherer und der Gesetzgeber können auf diese Trends nur reagieren und müssen zudem jeden Fall einzeln betrachten. Dementsprechend schwer tun sie sich, eine verbindliche Regelung zu formulieren. Die Wagnisliste ist ein Versuch, Transparenz zu schaffen.

Mehr Risiko, mehr Verstand

Die schönste und emotionalste Gipfelbesteigung führte das Ehepaar Cortesi auf keinen Viertausender und über keine schwierige Route, sondern auf den 2'861 Meter hohen Sassalbo. Die erste Gipfelbesteigung als Familie, mit der einjährigen Emina im Tragerucksack und – an exponierten Stellen – mit der angeseilten fünfjährigen Vivian im Schlepptau. Es war der Gipfel, auf dem schon Remo Cortesi vor fast 30 Jahren mit seinem Vater gestanden hatte.

Absolute Wagnisse (per se gefährlich)*

  • Dirtbiken
  • Downhill-Rennen mit Mountainbikes inkl. Training auf der Rennstrecke
  • Auto- und Motorradrennen
  • Basejumping
  • Fullcontact-Wettkämpfe (z. B. Boxen)
  • Speedflying
  • Tauchen in einer Tiefe von mehr als 40 Metern


Relative Wagnisse


(bei Fahrlässigkeit gefährlich)*
  • Bergsteigen / Klettern / Schneesport abseits markierter Pisten bei schwerwiegender Missachtung der sportüblichen Regeln und Vorsichtsgebote Canyoning bei schwerwiegender Missachtung der sportüblichen Regeln und Vorsichtsgebote
  • Gleitschirm- oder Hängegleiterfliegen bei sehr ungünstigen Windbedingungen


* Liste nicht abschliessend und unverbindlich (Quelle: www.koordination.ch).

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