Es gibt Momente, in denen alles stillsteht. Für viele Patient*innen mit Leukämie oder schweren Immunerkrankungen hängt die Hoffnung von einer einzigen Frage ab: Gibt es jemanden, dessen Stammzellen passen? Eine Blutstammzelltransplantation kann in solchen Situationen Leben retten – vorausgesetzt, es findet sich ein geeigneter Match. Dr. med. Gayathiri Nair, Spezialistin für Blutstammzelltransplantationen und Medizinische Direktorin von Swiss Blood Stem Cells der Blutspende SRK Schweiz, spricht im Allegra Podcast über diese besondere Form der Spende und erklärt, warum jede einzelne Registrierung zählt.
Blutstammzellen: Unser biologisches Reparatur-Kit
Blutstammzellen bilden die Grundlage unseres Blut- und Immunsystems. Man kann sie sich wie ein biologisches, vorinstalliertes Reparatur-Kit vorstellen, das wir von Geburt an in uns tragen. Sie können sich selbst erneuern oder zu roten oder weissen Blutzellen sowie Blutplättchen entwickeln. Solange dieser Prozess reibungslos funktioniert, bleibt er meist unbemerkt. Erst wenn er gestört ist, wird deutlich, wie lebenswichtig Blutstammzellen sind.
Beim erwachsenen Menschen befinden sich Blutstammzellen vor allem im Knochenmark grosser Knochen, etwa im Becken, Brustbein oder in der Wirbelsäule. Dort entstehen täglich Milliarden neuer Blutzellen in einem fein abgestimmten, sich selbst regulierenden System, das unseren Körper schützt, versorgt und stabil hält.
Wann eine Spende Leben rettet
Bei bestimmten Erkrankungen gerät das fein abgestimmte System aus dem Gleichgewicht. Bei Leukämie (Blutkrebs), Lymphdrüsenkrebs oder angeborenen Immundefekten produziert das Knochenmark fehlerhafte oder zu wenige Blutzellen. Nair erklärt es mit einem anschaulichen Bild: «Man kann sich das Knochenmark wie eine Fabrik vorstellen. Wenn dort ein Produktionsfehler entsteht, übernehmen die defekten Zellen irgendwann die gesamte Linie».
In solchen Fällen reicht eine medikamentöse Therapie allein oft nicht aus. Die Lösung kann eine Blutstammzelltransplantation sein. Dabei wird das erkrankte Knochenmark durch gesunde Stammzellen ersetzt, damit sich diese neu ansiedeln und ein funktionierendes Blut- und Immunsystem aufbauen können. Für die betroffenen Patient*innen ist dies ein langer, körperlich und psychisch belastender Prozess – und einer, der nur funktioniert, wenn eine passende Spende gefunden wird.
So läuft eine Blutstammzellenspende ab
Wird ein möglicher Match gefunden, wird zunächst abgeklärt, ob die spendende Person weiterhin bereit und gesund ist.
Bluttests und ein ärztlicher Check stellen sicher, dass für die spendende Person kein unnötiges Risiko besteht.
- Blutstammzellenspende (Standard, ca. 90 %): Nach wenigen Tagen medikamentöser Vorbereitung werden die Stammzellen aus dem Blut mittels einer Apharesemaschine gefiltert und das restliche Blut dem Körper wieder zugeführt. Dauer: etwa drei bis sechs Stunden
- Knochenmarkspende (ca. 10 %): Entnahme aus dem Beckenknochen unter Vollnarkose.
Die Spende wird per Kurier oft innerhalb weniger Stunden weltweit in das entsprechende Transplantationszentrum gebracht.
Der Weg zur Spende ist sorgfältig geregelt und auf maximale Sicherheit für Spender*innen und Patient*innen ausgelegt. Langzeitstudien und internationale Registerdaten zeigen klar: Die Blutstammzellspende ist für gesunde Spender*innen sicher.
Wer darf Blutstammzellspender*in werden?
Grundsätzlich können sich alle gesunden Personen zwischen 18 und 40 Jahren, die die Spenderkriterien erfüllen, registrieren .
Medizinische Studien zeigen, dass Transplantationen mit Blutstammzellen von jüngeren Spender*innen mit einer besseren Überlebensrate verbunden sind. Mit zunehmendem Alter der spendenden Person steigt das Risiko einer Abstossungsreaktion bei der empfangenden Person.
Der perfekte Match: So entscheidend ist die Übereinstimmung
Ob eine Blutstammzelltransplantation möglich ist, entscheidet nicht die Blutgruppe, sondern die Übereinstimmung der sogenannten HLA-Gewebemerkmale (Humane Leukozytenantigene). Diese Merkmale helfen dem Immunsystem zu unterscheiden, was zum eigenen Körper gehört und was fremd ist. Je höher die Übereinstimmung, desto geringer ist das Risiko schwerer Abstossungsreaktionen – und desto besser sind die Erfolgsaussichten der Transplantation.
HLA-Merkmale sind genetisch bedingt und sehr individuell. Genau darin liegt die Herausforderung: Menschen mit seltenen oder gemischten ethischen Hintergründen haben oft geringere Chancen, eine passende Spende zu finden.
Die Suche beginnt deshalb meist zuerst innerhalb der Familie. Doch selbst bei Geschwistern liegt die Wahrscheinlichkeit für eine vollständige Übereinstimmung nur bei etwa 20 bis 30 Prozent. Wird dort niemand Geeignetes gefunden, beginnt die internationale Suche in den Spenderregistern.
Je grösser und vielfältiger diese Register sind, desto höher sind die Chancen für Patient*innen weltweit. In der Schweiz sind derzeit knapp 200’000 Menschen als Blutstammzellspender*innen registriert. Das ist ein wichtiger Beitrag, aber noch nicht ausreichend, um für alle Betroffenen eine passende Spende sicherzustellen.
ÖKK Blutspendeanlass
Einmal jährlich organisiert die ÖKK einen Blutspendeanlass.
Interessierte können freiwillig teilnehmen und sich über die Website informieren und anmelden.
Hoffnung, die bleibt
Für Dr. Nair ist jede erfolgreiche Spende weit mehr als ein medizinischer Eingriff: «Wenn eine Spende unterwegs ist, bedeutet dies Hoffnung – für Patient*innen und ganze Familien.». Viele Spender*innen berichten später, dass allein die Möglichkeit, einem unbekannten Menschen das Leben zu retten, zutiefst berührt und nachhaltig prägt.
Dr. med. Gayathri Nair
Gayathri Nair ist medizinische Direktorin Swiss Blood Stem Cells und Mitglied der Geschäftsleitung Blutspende SRK Schweiz. Sie ist Fachärztin für Hämatologie und seit vielen Jahren in der Blutstammzelltransplantation tätig. National und international engagiert sie sich für sichere Transplantationen, Forschung und den Ausbau der Spenderregister.





