Depressionen sind mehr als ein schlechter Tag. Sie beeinflussen Denken, Emotionen, Motivation und damit den gesamten Alltag. Viele Betroffene sehen sich jedoch nicht nur mit der Erkrankung selbst konfrontiert, sondern auch mit Hürden beim Zugang zu Hilfe: lange Wartezeiten, Unsicherheit oder die Schwierigkeit, Unterstützungsangebote überhaupt anzunehmen.
Digitale Therapieangebote werden deshalb immer wichtiger. Sie ermöglichen einen niederschwelligen Einstieg und sind schnell verfügbar. Ein Beispiel ist deprexis , das erste in der Schweiz zugelassene digitale Therapieangebot bei Depressionen, an dem sich die Grundversicherung beteiligt. Im Allegra Podcast haben wir mit Juliane Meiners von GAIA, dem Hersteller von deprexis, gesprochen.
Was ist deprexis und für wen ist es geeignet?
deprexis ist ein zugelassenes, digitales Medizinprodukt zur Behandlung von leichten bis mittelschweren Depressionen bei Erwachsenen. Damit unterscheidet es sich von anderen Gesundheits- oder Wellness-Apps: Es handelt sich um ein therapeutisches Onlineprogramm, das nur über eine Verordnung durch eine ärztliche Fachperson eingesetzt wird.
Ziel ist, depressive Symptome zu reduzieren und Aktivität im Alltag zu fördern. deprexis kann alleinstehend als auch begleitend zu Psychotherapie oder ärztlicher Behandlung eingesetzt werden.
Digitale Therapieangebote wie deprexis sind damit kein Ersatz für klassische Psychotherapie, sondern ein ergänzender Baustein innerhalb eines Versorgungssystems, das zunehmend unter Druck steht.
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«Bei deprexis wird mir individuell das angeboten, was zu mir und meiner Situation passt.»
Therapie im Dialog: individuell statt standardisiert
deprexis basiert auf Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie sowie Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Die Anwendung führt Nutzer*innen durch einen interaktiven, dialogbasierten Prozess, der sich laufend an Eingaben und Rückmeldungen orientiert. Juliane Meiners beschreibt den Ansatz so: «Bei deprexis wird mir individuell das angeboten, was zu mir und meiner Situation passt.».
Damit entsteht kein fester Ablaufplan, sondern ein adaptiver Prozess. Inhalte werden nicht vollständig durchlaufen, sondern abhängig von Relevanz und individueller Situation automatisch gesteuert. Themen wie Grübeln, Aktivierung, Selbstwert, Emotionsregulation und sozialer Rückzug werden somit kontextabhängig eingebunden.
Integration in die Grundversicherung
Ab dem 01. Juli 2026 wird deprexis in der Schweiz anteilig über die Grundversicherung (KVG) finanziert, ergänzt durch einen Eigenanteil der Patient*innen. Damit wird erstmals ein digitales Therapieprogramm strukturiert in die reguläre Versorgung integriert – ein Schritt, der digitale Gesundheitsangebote stärker im Gesundheitssystem verankert.
Symptomtracking: Verlauf statt Momentaufnahme
Ein zentraler Bestandteil ist das regelmässige Symptomtracking. Dabei werden Stimmung und Belastung regelmässig erfasst und systematisch ausgewertet. «Sowohl das Programm als auch die Nutzer*innen erhalten eine Rückmeldung: verbessert sich etwas an der Symptomatik, verschlechtert sie sich oder bleibt sie unverändert», erklärt Juliane Meiners. Die Ergebnisse werden in Verlaufskurven visualisiert und können bei Bedarf auch in die Behandlung mit Fachpersonen integriert werden.
Der Nutzen liegt dabei weniger in der Messung selbst, sondern in der zeitlichen Einordnung für den*die Betroffene*n: Einzelne belastende Tagen werden dadurch nicht isoliert betrachtet, sondern im Verlauf sichtbar gemacht.
Evidenz: breite Studienlage und klinische Prüfung
Die Wirksamkeit von deprexis wurde in einem umfangreichen wissenschaftlichen Rahmen untersucht, darunter randomisiert-kontrollierte Studien sowie praxisnahe Evaluierungen. Juliane Meiners ordnet die Datenlage so ein: «Über 16 randomisiert kontrollierte Studien wurden in grossen Fachzeitschriften publiziert.» Die Studien zeigen Effekte unabhängig vom Schweregrad der Depression oder davon, ob zusätzlich eine Psychotherapie erfolgt. Insgesamt berichten über 50 Prozent der Nutzer*innen eine deutliche Verbesserung der Symptome.
Forschung und Entwicklung: 15 Jahre klinische Erfahrung
deprexis ist das Ergebnis von über 15 Jahren klinischer Anwendung und Weiterentwicklung. Hinter dem Programm steht ein interdisziplinäres Team aus Medizin und Psychotherapie, ergänzt durch internationale wissenschaftliche Expertise.
GAIA AG ist die Herstellerin von deprexis und hat insgesamt mehr als 20 digitale Therapieprogramme entwickelt. Damit zählt das Unternehmen zu den Pionieren im Bereich digitaler psychologischer Interventionen.
Nutzung im Alltag
(Digitale) Therapieangebote stehen vor der Herausforderung, sich sinnvoll in den Alltag der Betroffenen zu integrieren. Dabei gilt oft fälschlicherweise die Annahme, solche Anwendungen seien nur kurzfristige Hilfen. Die Praxis zeigt bei deprexis jedoch ein differenzierteres Bild: Die Anwendung ist zwar in einen zeitlich definierten Behandlungsrahmen eingebettet (in der Regel im Rahmen der Verordnung), viele Nutzer*innen greifen jedoch auch darüber hinaus auf Inhalte und Übungen zurück. deprexis funktioniert damit weniger als linear «durchlaufene App», sondern als seriöses Werkzeug, das situativ und bedarfsorientiert genutzt werden kann.
Neben der zeitlichen Einordnung spielt auch die konkrete Nutzung eine wichtige Rolle. Da verminderter Antrieb ein häufiges Symptom von Depressionen ist, setzt die Anwendung auf niedrigschwellige Elemente wie Erinnerungen per SMS oder Mail, kurze und konkrete Handlungsschritte sowie eine direkte Nutzung ohne zusätzliche organisatorische Hürden. Der Grundgedanke bleibt pragmatisch: Je kleiner der nächste Schritt, desto eher wird er umgesetzt.
Ein zusätzlicher Zugang zur Versorgung
deprexis zeigt exemplarisch, wie sich psychische Gesundheitsversorgung verändert: stärker strukturiert, datenbasiert und ergänzt durch digitale Bausteine. Die Einordnung bleibt dabei klar: Digitale Therapie ersetzt keine klassische Psychotherapie, kann aber dazu beitragen, Versorgung früher zugänglich zu machen und bestehende Strukturen zu entlasten. Entscheidend ist dabei nicht der Ort der Behandlung, sondern der Zugang zur passenden Unterstützung im richtigen Moment.
Juliane Meiners
Juliane Meiners ist ausgebildete Ärztin mit langjähriger Erfahrung in den Bereichen Psychiatrie und Psychotherapie. Heute arbeitet sie als Head of Medical Science Liaison and Commercial Development bei GAIA , dem Hersteller von deprexis. Sie beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen und praktischen Weiterentwicklung digitaler Behandlungsangebote bei Depressionen.





