Wenn eine Verletzung mehr als Bewegung nimmt
Eine Sportverletzung betrifft selten nur Muskeln, Sehnen oder Knochen. Sie reisst Betroffene aus dem Alltag, unterbricht Routinen und stellt oft das eigene Selbstverständnis infrage: Wer bin ich, wenn ich plötzlich nicht mehr leisten kann? Wenn ich auf Hilfe angewiesen bin?
Viele erleben nach einer Verletzung einen Moment, in dem sie das Gefühl verlieren, Einfluss auf die eigene Situation zu haben. Genau mit diesen mentalen Belastungen beschäftigt sich Mentaltrainerin Tina Dyck. Sie arbeitet unter anderem mit Athlet*innen des HC Davos und des Swiss Olympic Medical Centers.
Im Allegra-Podcast spricht sie darüber, wie Menschen mit Kontrollverlust, Rückschlägen und Unsicherheit umgehen – und warum diese Erfahrungen nicht nur im Sport auftreten. Auch Krankheiten, Erschöpfung oder chronische Beschwerden können ähnliche Gefühle auslösen.
Wenn der Körper in den Alarmmodus schaltet
Was passiert eigentlich in unserem Körper unmittelbar nach einem Unfall, einer Diagnose oder einer kritischen Situation? Der Körper schaltet automatisch in den Überlebensmodus: Stresshormone wie beispielsweise Cortisol und Adrenalin werden innert Millisekunden freigesetzt, schärfen die Sinne und erhöhen Puls und Atmung. Viele erleben in dieser Phase innere Unruhe, Schwitzen, flacheren Atem oder Magen-Darm-Beschwerden. Tina Dyck betont: «Das ist reine Biochemie, keine Schwäche.» Erst, wenn der erste Schock abklingt, werden die Folgen der Verletzung wirklich greifbar: Reha statt Training, Stillstand statt Fortschritt, Warten statt Wettkampf. Dann treten oft Angst, Frust oder Wut in den Vordergrund.
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«Mit Mentaltraining sollte man bereits dann anfangen, wenn alles gut ist.»
Was bedeutet mentale Stärke?
Gerade im Sport ist der Druck gross, nach einer Verletzung möglichst schnell wieder zu funktionieren. Häufig wird mentale Stärke mit «Durchhalten um jeden Preis» gleichgesetzt. Doch wie Tina Dyck erklärt: «Mentale Stärke bedeutet nicht, dass du nie wieder Angst hast oder nie wieder nervös bist. Es bedeutet, dass du trotz Nervosität performen kannst.» Entscheidend ist also nicht das Vermeiden von Druck, Unsicherheit oder Rückschlägen, sondern der richtige und nachhaltige Umgang damit. Mentale Stärke lässt sich entwickeln und trainieren. Hierbei ist das individuelle Mentaltrainingsprogramm genau auf die Bedürfnisse der Person zugeschnitten entscheidend.
Besonders im Spitzensport kann eine Verletzung weit mehr als nur eine sportliche Pause bedeuten. Sind Selbstwert und Identität stark an Leistung gekoppelt, geraten Betroffene schnell in eine Krise. Nicht selten erleben Athlet*innen Existenzängste oder verlieren das Gefühl, zu wissen, wer sie ausserhalb ihres Sports sind.
Mentaltraining – kurz erklärt
Mentaltraining umfasst Methoden und Übungen, die dabei unterstützen, Gedanken, Emotionen und Aufmerksamkeit bewusst zu steuern. Ziel ist es, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufzubauen, die mentale Stärke zu fördern und das persönliche Potenzial gezielt zu entfalten. Besonders im entscheidenden Moment hilft Mentaltraining dabei, die eigene Bestleistung zuverlässig abrufen zu können.
Mentaltraining umfasst eine Vielzahl von Tools und Strategien – von Visualisierungstechniken über die bewusste Gestaltung innerer Selbstgespräche bis hin zu individuellen Methoden der Entspannung und Stressbewältigung. Das Feld ist jedoch deutlich breiter und vielseitiger als diese Beispiele vermuten lassen.
Warum der Kopf oft länger braucht als der Körper
Während körperliche Heilungsprozesse medizinisch eng begleitet werden, bleibt die mentale Verarbeitung häufig sich selbst überlassen. Dabei erhöhen Angst, Unsicherheit und fehlende Perspektiven den Stress im Körper, was wiederum Entzündungen begünstigen und die Heilung verzögern kann.
Gedanken und Emotionen lassen sich jedoch nicht einfach «reparieren». Sie brauchen Zeit, um Schritt für Schritt eingeordnet und verarbeitet zu werden. Tina Dyck plädiert deshalb für frühe mentale Unterstützung: «Mit Mentaltraining sollte man bereits dann anfangen, wenn alles gut ist, um für den Ernstfall vorbereitet zu sein.» Viele Betroffene wenden sich erst spät an Unterstützungsangebote – häufig erst dann, wenn es ihnen nicht mehr gut geht oder sie über lange Zeit hinweg durchgehalten haben.
Besonders belastend ist oft die Phase nach dem ersten Schock, wenn Stillstand, Isolation und der Verlust sportlicher Routinen spürbar werden. Dieses Erleben kann bis hin zu depressiven Verstimmungen führen und ähnelt in manchen Fällen einem Trauerprozess.
Akzeptanz, Orientierung und viele kleine Schritte
Ein zentraler Ansatz im Mentaltraining ist die bewusste Akzeptanz der Situation. Nicht im Sinne von «gut finden», sondern als Anerkennung der Realität. «Es gibt Dinge, die kann ich nicht verändern», so Dyck. «Aber ich habe Einfluss darauf, wie ich damit umgehe.»
Der Fokus verschiebt sich weg vom grossen Endziel, hin zu kleinen, realistischen Etappen. Tina Dyck betont, wie wichtig klar definierte und vor allem realistische Zwischenziele zur Orientierung und Motivation sind: «Das kleinstmögliche Zeitfenster mit den realistischsten Zielen zu füllen, ist entscheidend. So entstehen Erfolgserlebnisse – und die müssen gut geplant sein». Kleine Schritte geben Halt, Struktur und Perspektive. Zu grosse Erwartungen hingegen können blockieren und den Druck zusätzlich erhöhen.
Nicht nur ein Thema für den Sport
Was im Spitzensport sichtbar wird, kennen auch viele Menschen ausserhalb des Wettkampfs: Nach aussen wirkt vieles normal, während innerlich Unsicherheit oder Erschöpfung dominieren.
Entscheidend ist deshalb, aufmerksam mit sich zu bleiben, Unterstützung anzunehmen und den eigenen Umgang mit Belastung bewusst zu gestalten – im Sport, im Beruf oder bei der Rückkehr in den Alltag. Kontrolle kehrt dabei nicht auf einmal zurück, sondern in kleinen, wiedergewonnenen Handlungsspielräumen mit gezielten Strategien und Routinen.
Drei Fragen für mehr Orientierung
In Phasen von Angst, Unsicherheit oder Überforderung schaffen diese Fragen Klarheit:
- Was ist die eigentliche Herausforderung, mit der ich gerade konfrontiert bin?
- Was liegt in meiner Kontrolle – und was nicht?
- Was ist der kleinste sinnvolle nächste Schritt, den ich heute gehen kann?
Der Körper heilt oft schneller als der Kopf. Eine nachhaltige Rückkehr gelingt deshalb meist nur, wenn körperliche und mentale Regeneration gleichermassen berücksichtigt werden.

Dr. Tina E. L. Dyck
Dr. Tina E. L. Dyck ist Mentaltrainerin SASP im Leistungs- und Spitzensport, Chief Education Officer beim HC Davos sowie Executive Coach in Business. Sie arbeitet mit professionellen Athlet*innen sowie mit Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft – unter anderem in Phasen von Verletzungen, Leistungsdruck, Burnout oder Rehabilitation. Ihre Arbeit verbindet umfangreiche sportliche Erfahrung mit medizinischer und sportpsychologischer Expertise in individuelle Mentaltrainings.





