Thomas Schneebeli balanciert mit gekonnter Leichtigkeit auf der Slackline über den See, seine Arme ausgestreckt, um das Gleichgewicht zu halten.

Gleichgewicht trainieren auf der Slackline

Die einen stählen ihre Muskeln, andere feilen an ihrer Kondition, Thomas Schneebeli trainiert sein Gleichgewicht. Am liebsten stellt er es auf einer Slackline auf die Probe.

Für eine kleine Ewigkeit ist Thomas Schneebeli abgetaucht in eine andere Welt, den Blick starr geradeaus, die Arme in der Luft, ein Schritt nach dem anderen. «Meditation in Bewegung» nennt er diesen Zustand. Thomas Schneebeli balanciert 190 Meter über dem Walensee auf einem zweieinhalb Zentimeter dünnen Nylonband. Wobei dieser Balanceakt – nach einer kurzen Phase der Eingewöhnung – so aussieht, als vertrete sich der Bündner über dem Abgrund nur ein wenig die Beine. Sein Körper ist im perfekten Gleichgewicht.

Thomas Schneebeli (28) ist Slackliner und betreibt eine Sportart, bei der sich alles ums Gleichgewicht dreht. Im Prinzip geht es darum, auf einem elastischen Band von A nach B zu balancieren, mit oder ohne Tricks, so, wie man will. Schneebeli will vor allem hoch und weit hinaus. Highlines sind sein Ding. Also Slacklines, die in einer Höhe von mindestens 15 Metern aufgespannt werden.

Sichere Vorbereitung

Wer meint, Thomas Schneebeli sei ein Draufgänger, sollte ihm bei der Vorbereitung zusehen. Zu Hause in Präz tastet er mit Fingern und Augen Slackline, Karabiner, Schäkel, Schlingen und Seile ab – keine Anzeichen von Schäden. Später, an der Felswand in Amden, inspiziert er mit seinen Freund*innen die Ankerpunkte. An diese hängt er mithilfe einer Drohne die Slackline auf. In diesem Fall sind es zwei Baumstämme, die mit ausreichend Durchmesser und Wurzelwuchs entgegen der Zugrichtung ausgewählt wurden. Die Bandschlingen, die um die Stämme gewickelt werden, tragen nach Spannung der Slackline je 14 Tonnen Belastung. Das ist 28-mal mehr, als ein Sturz Schneebelis ins Sicherheitsseil provozieren würde. Jede Schlinge, jedes Band und jedes Seil ist durch ein anderes doppelt gesichert.

Vorreiterin Schweiz

Darauf gebracht hat ihn sein Vater, ein Physiotherapeut. Dieser kennt das Gleichgewichtstraining mit dem elastischen Band aus seiner Arbeit. Seinem Sohn hat er vor 15 Jahren die erste Slackline im Garten gespannt. Intensiv zu trainieren, begann Schneebeli vor sechs Jahren.

2019 gründete er mit Freunden den Verein «Grischa Slack», der in Rhäzüns seinen «Homespot» hat – vier fix installierte Highlines. 50 Mitglieder zählt der Verein bereits. Seit Kurzem ist der nationale Slackline-Verband Mitglied von Swiss Olympic. Mit der offiziellen Anerkennung des Slacklinen als Sport ist die Schweiz weltweit eine Vorreiterin.

Zwei Männer bereiten sich sorgfältig vor, um eine Slackline über einem See zu spannen, während sie auf einem Felsvorsprung stehen. Sie überprüfen Sicherheitsvorkehrungen, bevor sie sich der Herausforderung stellen.
Thomas Schneebeli und Dani Rieder sind ein eingespieltes Team. Höchste Priorität: die Sicherheit.
Thomas Schneebeli posiert kühn auf der Slackline hoch über einem malerischen See, umgeben von rauer Natur.
Perfekte Balance: Um so cool auf der Slackline zu stehen, musste Thomas Schneebeli jahrelang trainieren.
Ein junger Mann balanciert auf einer Slackline zwischen zwei steilen Felsen über einem ruhigen See.
Angst hat Thomas Schneebeli keine beim Slacklinen. Er kennt seine Fähigkeiten, ist voll in Balance - und für den Notfall mit einem Seil gesichert.
Ein Porträt von Thomas Schneebeli, einem Mann mit einer Brille und einer blauen Mütze, der einen leichten dunklen Bart trägt.
Slackline ist für Thomas Schneebeli auch eine Lebensschule: Es sorgt für Balance in vielen Situationen.

Fast wie Fliegen

Nach einer Dreiviertelstunde Auslauf auf der 30 Meter langen Slackline hat Thomas Schneebeli erst einmal genug. Er ist Dutzende Male hin und her balanciert, hat mit der Dynamik der Highline gespielt. So, dass er fast wie ein Surfer der Lüfte aussah. Und nur zweimal ist er dabei ins Sicherheitsseil gefallen – routiniert und ohne den leisesten Aufschrei. Schneebeli lässt den Seiltanz leicht aussehen. Doch auch ihn machen die ständigen Ausgleichbewegungen des Körpers und die Konzentration müde. Wie fühlt es sich an auf der Slackline? «Es ist, als stündest du in der Luft», sagt er. «Nur zweieinhalb Zentimeter trennen dich vom Fliegen.»

Slackline – das sollten Sie wissen

  • Wörtlich übersetzt bedeutet der Begriff Slackline auf Deutsch «lockeres Band» und ist ein zweieinhalb Zentimeter breites Nylonband.
  • Ob jung oder alt, Slacklinen hält Geist und Körper fit. Entscheidend sind Geduld und Ehrgeiz.
  • Die Slackline wird auf Kniehöhe zwischen zwei Fixpunkten (meist Bäume) gespannt. Das Band sollte nicht bretthart gespannt sein.
  • Der Oberkörper sollte aufrecht sein, die Arme auf Schulterhöhe und die Beine leicht gebeugt.
  • Barfuss erhalten Sie ein besseres Gefühl für das Band und reduzieren dadurch das Verletzungsrisiko.
  • Sie möchten den Zauber einer Highline erleben? Die Slackline-Community ist gross und freut sich, Anfänger*innen mitzunehmen für die ersten Versuche. Kontakte finden Sie zum Beispiel auf slackmap.com.
  • Fürs Erste reicht es, sich auf das Band zu setzen. Saugen Sie die Höhe und das Freiheitsgefühl auf.
  • Um Ängste ab- und Vertrauen aufzubauen, lassen Sie sich ein paar Mal ins Sicherungsseil fallen und lernen Sie die Techniken, um wieder auf die Highline zu kommen.

Kundenmagazin Clever 1/2024

Dieser Beitrag erschien im Kundenmagazin Clever. Entdecken Sie noch weitere Beiträge zum Thema Gleichgewicht. Zum Beispiel die Infografik, die zeigt, wie unser Gleichgewichtssinn funktioniert.