Immer mehr Menschen steigen im Alltag oder in der Freizeit aufs Velo. In der Schweiz besitzen rund zwei Drittel der Haushalte mindestens eines. Mit dieser Entwicklung wächst jedoch auch das Risiko: Wo mehr gefahren wird, passieren auch mehr Unfälle. So ist die Zahl der Velounfälle in den letzten zehn Jahren um 50 Prozent gestiegen. Umso wichtiger ist es, die typischen Gefahrenquellen zu kennen und ein bewusstes, sicheres Verhalten im Strassenverkehr zu entwickeln. Wo im Strassenverkehr die grössten Risiken lauern und was Sie für Ihre Sicherheit tun können, erläutert Andrina Brodbeck, Projektmitarbeiterin bei Pro Velo Graubünden, im Allegra-Podcast.
Gefahrenquellen: Hier passieren die häufigsten Velounfälle
Velounfälle entstehen selten durch einen einzelnen Faktor. Oft ist es ein Zusammenspiel aus Infrastruktur, Verhalten und Sichtbarkeit.
Kreisel: ein unterschätztes Risiko
Kreisel gehören für Velofahrer*innen zu den gefährlichsten Stellen im Verkehr. Die Statistik zeigt: Bei fast jedem zweiten Unfall in einem Kreisel ist ein Velo involviert. Ein häufiger Grund liegt in der Unsicherheit bei den Verkehrsregeln. Fahren Sie möglichst in der Mitte des Kreisels, um besser sichtbar zu sein. Reduzieren Sie Ihre Geschwindigkeit und beachten Sie die signalisierten Vortrittsrechte. Signalisieren Sie frühzeitig mit Handzeichnen, wenn Sie den Kreisel verlassen möchten.
Infrastruktur mit Schwächen
Nicht überall ist die Strasseninfrastruktur velofreundlich. Hohe Trottoirkanten oder fehlende Übergänge können schnell zu Stürzen führen. Hier wird das Velo in der Planung oft noch zu wenig berücksichtigt.
Fehlende Velostreifen
Ist ein separater Radweg vorhanden, müssen Veloahrende diesen nutzen. Häufig fehlen jedoch genau diese abgetrennten Wege, was zu gefährlichen Überholmanövern führen kann. Was dann hilft:
- Abstand einhalten: Räumen Sie Veloahrenden genügend Abstand ein, um Sicherheit zu signalisieren.
- Rücksicht nehmen: Alle sind auf der Strasse gleichberechtigt – es ist ein Miteinander.
- Augenkontakt aufnehmen: Nehmen Sie mit Autofahrenden Blickkontakt auf. Das erhöht Ihre Sichtbarkeit.
Schlechte Sichtbarkeit auf dem Fahrrad
Gerade bei Nässe steigt das Risiko: Markierungen werden rutschig, und Velofahrende sind schlechter sichtbar. Gute Beleuchtung und Reflektoren sind deshalb entscheidend.
Velounfälle vermeiden: Das können Sie tun
Sicher unterwegs zu sein bedeutet nicht nur, die Regeln zu kennen – sondern sie auch konsequent anzuwenden.
Sichtbarkeit steigern
Für E-Bikes gilt eine Lichtpflicht. Ein funktionierendes Licht vorne und hinten ist jedoch für alle Fahrräder empfehlenswert. Reflektoren erhöhen die Sichtbarkeit zusätzlich. Auch Leuchtwesten können eine sinnvolle Ergänzung sein.
Helm tragen: freiwillig, aber sinnvoll
Auch wenn keine generelle Helmpflicht besteht, ist das Tragen eines Velohelms dringend empfohlen. Studien zeigen:
- Das Risiko für Kopfverletzungen sinkt um rund 50 Prozent.
- Schwere Kopfverletzungen werden sogar um 60 bis 70 Prozent reduziert.
Für Personen mit schnellen E-Bikes (Unterstützung bis 45 km/h), gilt eine Helmpflicht.
Geschwindigkeit anpassen
Velofahrende haben die gleichen Geschwindigkeitsregeln wie Autofahrende. Passen Sie Ihre Geschwindigkeit der Verkehrssituation an – dies gilt gerade für E-Bikes, die oft schneller sind, als andere Verkehrsteilnehmende vermuten.
Konzentriert fahren – Smartphone verstauen
Verboten ist es nicht: Man darf Musik hören beim Velofahren. Hören Sie jedoch nur in einer Lautstärke, bei der Sie den Verkehr weiterhin wahrnehmen. Und: Das Smartphone gehört in die Hosentasche. Wer mit Handy in der Hand fährt, wird gebüsst.
Keinen Alkohol trinken
Wer getrunken hat, sollte nicht mehr Velofahren. Wer die Promillegrenze von 0.5 überschreitet, riskiert eine Busse oder muss sogar den Autofahrausweis abgegeben.
Rücksicht nehmen
Verkehrsteilnehmende mit stärkeren Fortbewegungsmitteln achten auf die mit schwächeren: Autos auf Velos, Velos auf Fussgänger*innen.
Velowartung: So ist Ihr Fahrrad sicher
Ein gut gewartetes Velo reduziert das Unfallrisiko deutlich. Prüfen Sie daher regelmässig Bremsen, Kette und Reifen. Ein strassentaugliches Fahrrad muss mindestens mit folgender Ausstattung ausgerüstet sein:
- zwei griffige Bremsen
- Licht (in der Dämmerung und nachts, bei Regen, Nebel und in Tunneln, vorne ein weisses, hinten ein rotes, beide ruhend)
- Reflektoren (vorne weiss, hinten rot, an den Pedalen viermal gelb)
Wer gerne selbst am Fahrrad schraubt und repariert, kann das Angebot von Pro Velo Graubünden nutzen. In der mobilen offenen Velowerkstatt stehen Ihnen Werk- und Putzzeug gratis zur Verfügung. Wenn’s mal klemmt, hilft eine erfahrene Fachperson weiter.
Velokurse: Kinder im Strassenverkehr
Kinder lernen das Verhalten im Verkehr direkt auf der Strasse. Wichtig ist dabei vor allem:
- eine gute Balance auf dem Velo
- das schrittweise Kennenlernen von Verkehrssituationen
Velokurse können helfen, bestehendes Wissen zu vertiefen und Sicherheit zu gewinnen.
Ein Velounfall ist selten Zufall. Mit der richtigen Infrastruktur, mehr Sichtbarkeit und rücksichtsvollem Verhalten lässt sich das Risiko deutlich reduzieren.
Ob zu Fuss, auf zwei oder vier Rädern: Sicherheit im Strassenverkehr ist immer ein gemeinsames Ziel.

Unsere Expertin: Andrina Brodbeck
Andrina Brodbeck ist Projektmitarbeiterin bei Pro Velo Graubünden. Sie ist selbst leidenschaftliche Velofahrerin und fordert eine bessere Infrastruktur für Velofahrende: «Durch eine klare Trennung der unterschiedlichen Verkehrsteilnehmenden könnte das Unfallrisiko deutlich reduziert werden.»





