Adipositas einfach erklärt

Adipositas ist weit mehr als eine Frage von Ernährung oder Bewegung. Wer die Ursachen versteht, kann Vorurteile abbauen, vorbeugen und passende Wege für die Behandlung finden.

Wenn der Körper weniger Energie verbraucht, als er mit Nahrung aufnimmt, kann Übergewicht bzw. Adipositas entstehen. Der Begriff leitet sich vom lateinischen Wort adeps («Fett») ab und beschreibt die übermässige Ansammlung von Fett im menschlichen Körper. Adipositas ist eine chronische Ernährungs- und Stoffwechselerkrankung. Dabei funktionieren Hunger- und Sättigungsgefühl nicht mehr wie vorgesehen. Für die Beurteilung von Fettleibigkeit bei Erwachsenen wird der Body-Mass-Index (BMI) genutzt.

Was ist der Unterschied zwischen Adipositas und Übergewicht?

Zur Einordnung wird häufig der Body-Mass-Index (BMI) verwendet. Ab einem BMI von 25 spricht man von Übergewicht, ab einem BMI von 30 von Adipositas. Der BMI allein erzählt jedoch nicht die ganze Geschichte. Auch Faktoren wie Körperzusammensetzung, Fettverteilung und Gesundheitszustand spielen eine wichtige Rolle.

BMI berechnen

BMI = Körpergewicht in Kilogramm / (Körpergrösse in Meter)²

Nicht jedes Fett ist gleich

Im menschlichen Körper gibt es unterschiedliche Fettdepots. Besonders relevant sind zwei Arten:

Subkutanes Fett

Dieses Fett liegt direkt unter der Haut. Es befindet sich beispielsweise an Bauch, Armen oder Oberschenkeln und dient als Energiespeicher sowie als Schutz für Muskeln und Knochen. Bei den meisten Menschen macht es den grössten Teil des Körperfetts aus.

Viszerales Fett

Dieses Fett sitzt tiefer im Bauchraum und umgibt lebenswichtige Organe wie Leber, Magen und Darm. Ein hoher Anteil an viszeralem Fett erhöht das Risiko für verschiedene Erkrankungen und gilt deshalb als besonders problematisch.

Wie entsteht Adipositas?

Das ständige Überangebot an günstigen zucker- und fetthaltigen Lebensmitteln sowie Bewegungsmangel tragen dazu bei, dass der Anteil von Menschen mit Übergewicht ansteigt. 43 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in der Schweiz ist übergewichtig oder adipös. Von Adipositas betroffen sind 12 Prozent. Die Vorstellung, Adipositas sei ausschliesslich die Folge von zu viel Essen und zu wenig Bewegung, greift jedoch zu kurz. Fachpersonen gehen heute davon aus, dass zahlreiche Einflüsse zusammenspielen. Dazu gehören:

Besonders interessant: Der BMI wird zu 70 bis 80 Prozent durch genetische Faktoren mitbestimmt.

Welche Rolle spielt das Gehirn?

Hunger und Sättigung entstehen nicht nur im Magen, sondern werden wesentlich im Gehirn gesteuert.

Wenn der Magen leer ist und der Blutzuckerspiegel sinkt, wird das Hormon Ghrelin ausgeschüttet. Es signalisiert dem Gehirn, dass der Körper Nahrung benötigt. Gleichzeitig melden andere Hormone, etwa Leptin aus den Fettzellen, wann genügend Energie vorhanden ist.

Quote

«Das Gehirn verbindet Essen in Stresssituationen mit Belohnung.»

Thomas Egger, Co-Chefarzt Psychosomatik und Psychiatrie der Rehaklinik Gais, Klinikgruppe Valens

Zusätzlich aktiviert Essen das Belohnungssystem im Gehirn. Besonders zucker- und fettreiche Lebensmittel können kurzfristig Glücksgefühle auslösen. Dadurch entsteht bei manchen Menschen eine starke Verknüpfung zwischen Essen und emotionalem Wohlbefinden.

Adipositas vorbeugen

Eine einfache Patentlösung gibt es nicht. Dennoch können gewisse Gewohnheiten helfen, das Risiko zu reduzieren.

Bewegung in den Alltag integrieren

Regelmässige Bewegung unterstützt den Energieverbrauch und fördert das körperliche und psychische Wohlbefinden. Bereits kleine Veränderungen im Alltag können einen Unterschied machen.

Ausgewogen essen

Eine ausgewogene Hauptmahlzeit enthält Gemüse oder Früchte, Stärkelieferanten und proteinreiche Lebensmittel. Diese Kombination fördert die Sättigung und versorgt den Körper mit wichtigen Nährstoffen.

Zucker bewusst konsumieren

Viele Menschen nehmen Zucker nicht nur über Süssigkeiten auf, sondern auch über Getränke, Cerealien oder Milchprodukte. Ein bewusster Umgang mit Zucker kann helfen, das Risiko für Übergewicht und weitere Erkrankungen zu senken.

Psychische Gesundheit ernst nehmen

Stress, Einsamkeit oder Überforderung können das Essverhalten beeinflussen. Wer Belastungen früh erkennt und Unterstützung sucht, kann ungünstigen Gewohnheiten entgegenwirken.

Achtsamkeit hilft, Stress zu bewältigen, fördert das Wohlbefinden und unterstützt die mentale Gesundheit.

Übungen für mehr Achtsamkeit im Alltag

Lachen reduziert Stress und stärkt das Immunsystem. Auch ein Stift zwischen den Zähnen hilft, dass sich die Gesichtsmuskeln gut fühlen und sich die Stimmung verbessert.

Ordentliches Schwitzen hilft dabei, Anspannungen im Körper aber auch im Kopf zu lösen. Die Konzentration von Noradrenalin im Köper wird erhöht, ein Hormon, das die Reaktion des Gehirns auf Stress steuert. Körperliche Ertüchtigung reduziert somit nicht nur Stress, sondern stärkt auch den Körper, um mit mentaler Anspannung besser umzugehen.

Neue Perspektiven tun dem Hirn gut. Wie wäre es beispielsweise, mal an einem anderen Platz am Esstisch zu sitzen? Die andere Perspektive zu den Mitmenschen und zum Raum kann etwas bewirken.

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) kann bei Übergewicht eine ergänzende Unterstützung bieten. Dabei wird der Mensch ganzheitlich betrachtet und Übergewicht nicht nur als eigenständige Erkrankung, sondern auch als Ausdruck eines tieferliegenden Ungleichgewichts.

Mögliche Folgen von Adipositas

Adipositas erhöht das Risiko für verschiedene gesundheitliche Probleme. Dazu gehören unter anderem:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Stoffwechselerkrankungen
  • Typ-2-Diabetes
  • Schlafstörungen
  • bestimmte Krebsarten

Ebenso belastend können die sozialen Folgen sein. Viele Betroffene erleben Vorurteile, Ausgrenzung oder Stigmatisierung, obwohl ihre Situation deutlich komplexer ist, als oft angenommen wird.

Ist Adipositas heilbar?

Die Behandlung von Adipositas besteht meist aus mehreren Bausteinen. Schnelle Diäten bringen vielfach keine langfristigen Erfolge. Viele Menschen kennen den sogenannten Jo-Jo-Effekt: Nach einer erfolgreichen Diät steigt das Gewicht wieder an, teilweise sogar über das ursprüngliche Niveau hinaus.

Der Grund: Der Körper interpretiert eine starke Gewichtsabnahme als Bedrohung. Er reduziert den Energieverbrauch und versucht, Reserven für spätere Zeiten anzulegen. Deshalb sind nachhaltige Veränderungen meist erfolgreicher als kurzfristige Diäten.

Eine langfristige Veränderung von Ess- und Bewegungsgewohnheiten bildet die Grundlage jeder Behandlung. Ziel ist nicht nur eine Gewichtsreduktion, sondern vor allem eine nachhaltige Verbesserung der Gesundheit.

Der Abbau von Körperfett erfordert ein tägliches Kaloriendefizit von etwa 500 bis 600 kcal.

Eine professionelle Ernährungsberatung kann helfen, passende Gewohnheiten aufzubauen und realistische Ziele zu definieren. Viele Menschen profitieren davon, individuelle Lösungen, statt strenger Diätregeln zu entwickeln.

In den vergangenen Jahren wurden Medikamente entwickelt, die unter anderem das Hungergefühl beeinflussen. Sie wirken auf hormonelle Regelkreise und können die Gewichtsabnahme unterstützen. Die Behandlung sollte jedoch immer ärztlich begleitet werden.

Im Allegra-Podcast erklärt der Facharzt Philipp Gerber, wie wirksam die Abnehmspritze wirklich ist, welche Nebenwirkungen sie hat und ob ein Jo-Jo-Effekt auftreten kann.

Bei schwerer Adipositas können Operationen wie der Magenbypass oder der Schlauchmagen eine Option sein. Solche Eingriffe verändern die Nahrungsaufnahme und werden nur nach sorgfältiger Abklärung eingesetzt.

Adipositas ist eine komplexe Erkrankung. Umso wichtiger sind Verständnis, eine individuelle Begleitung und Unterstützung, die zur eigenen Situation passt.

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