«Die Zeche zahlt die Allgemeinheit»

Er hat 67 unbeantwortete Mails auf dem Handy und findet trotzdem Zeit, um mit ÖKK über die wichtigsten Fragen der Gesundheitspolitik zu reden: Heinz Brand, Präsident von santésuisse, dem Branchenverband der schweizerischen Krankenversicherer.


Heinz Brand, wie zufrieden sind Sie mit der Qualität des Schweizer Gesundheitssystems?

Hervorragend ist, dass jeder in der Schweiz Zugang zu Spitzenmedizin hat. Das ist ein Privileg. Trotzdem besteht bei der Qualitätsmessung Nachholbedarf. Auch sind die Infektionsraten in einigen Spitälern zu hoch. Das Hauptproblem unseres Gesundheitssystems ist aber nicht die Qualität, es sind die zu hohen Kosten durch Fehlanreize und Ineffizienzen. Beispielsweise schätzt der Bundesrat, dass etwa jede fünfte Operation unnötig ist. Zudem landen monatlich Medikamente im Wert von Millionen von Franken im Abfall. Kurzum: Die medizinischen Leistungen in der Schweiz sind gut, aber klar zu teuer.


Dazu passt, dass santésuisse einen happigen Kostenanstieg von rund drei Prozent erwartet – warum?

Wir gehen von knapp einer Milliarde Franken höheren Kosten im Gesundheitswesen aus, und das schlägt sich zu 95 Prozent auf die Höhe der Prämien nieder. Grob gerechnet zeitigen 300 Millionen Franken Mehrkosten im Gesundheitswesen einen Prämienanstieg von einem Prozent. Dank der Überschüsse im laufenden Jahr liegt der Prämienanstieg 2020 mit grosser Wahrscheinlichkeit aber unter der Kostensteigerung.


Können die Krankenversicherer nichts gegen den Prämienanstieg tun?

Nicht direkt, sie sind zu 95 Prozent machtlos. Für die restlichen fünf Prozent gilt natürlich, dass die Krankenversicherer bei ihrer Organisation unnötige Bürokratie vermeiden und sorgsam wirtschaften sollten. Zudem obliegt ihnen die wichtige Rechnungskontrolle, also die Prüfung, ob durch Arzt oder Spital korrekt abgerechnet wurde. Der stärkste Hebel gegen das Kostenwachstum ist aber die politische Arbeit, die im Branchenverband santésuisse gebündelt wird. Wir müssen politischen Druck dort ausüben, wo die Kosten anfallen: beim medizinischen Angebot. Beispielsweise setzen wir uns für ein Beschwerderecht der Krankenversicherer ein, um Bewilligungen von unnötigen zusätzlichen Pflegeheimen, Spitälern und Arztpraxen entgegenzuwirken. Denn mehr Angebot führt zu mehr Kosten. Und im Parlament haben wir dafür zu sorgen, dass Ärzte und Spitäler ihre Qualität ausweisen müssen.


Sie sagen, der Gesundheitsmarkt sei ein Angebotsmarkt. Was bedeutet das?

Das heisst, dass das Angebot die Nachfrage bestimmt und nicht umgekehrt. Früher musste man 60 Kilometer fahren, um eine spezielle Operation zu erhalten. Wenn die gleiche Operation heute auch in der Nachbarschaft angeboten wird, dann geht man dorthin. Unter dem Strich führt das jedoch zu einem Überangebot und damit zu steigenden Gesundheitskosten. Das Gleiche gilt für neue, superteure Medikamente.


Das Thema «Spitzenmedizin» ist ethisch heikel, weil wir keine Zweiklassenmedizin wollen ...

Das ist richtig. Trotzdem kommt man um diese Diskussion nicht herum. Ein Beispiel: Es gibt aussergewöhnliche, seltene Krankheiten, von denen viele bislang unheilbar waren. Wenn jetzt eine Pharmafirma ein Medikament gegen eine dieser Krankheiten entwickelt, dann will jeder Betroffene dieses Medikament haben – koste es, was es wolle. Das ist subjektiv verständlich, aber dieFrage muss erlaubt sein: Wo liegt objektiv die finanzielle Schmerzgrenze? Darf eine Spritze 1’000, 10’000 oder 100’000 Franken kosten? Und steht einem 90-Jährigen das Medikament ebenso zu wie einem Kind? Das sind heikle Fragen. Aber wenn alles, was medizinisch möglich ist, bezahlt wird, muss man sich nicht über steigende Gesundheitskosten und Prämien wundern.


Was können Versicherte leisten, um die rasante Kostenentwicklung zu bremsen?

Das Wichtigste ist Selbstverantwortung. Nur weil wir monatlich Prämien zahlen, berechtigt uns das nicht, wie an einem All-youcan-eat-Buffet unlimitiert Gesundheitsleistungen zu beziehen. In Städten stellen wir etwa fest, dass immer mehr Kinder wegen «normaler» Krankheiten am Wochenende im Notfall behandelt werden müssen. Das hat drei Gründe: Erstens ist das Angebot nah und verfügbar: Spitäler mit Notaufnahmen; zweitens haben die Eltern während der Woche wenig Zeit für Arztbesuche mit ihrem Kind; drittens gibt es bei Kindern keine Franchisen, und die Kosten gehen zulasten der Grundversicherung. Faktisch kostet die Behandlung im Notfall aber etwa doppelt so viel wie beim Hausarzt. Die Zeche zahlt die Allgemeinheit in Form höherer Prämien.


Fehlanreize gibt es auch im Spitalwesen. Derzeit liegt eine Vorlage zur einheitlichen Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen, die EFAS, beim Bundesrat. Worum geht es da?

Früher lag man wegen eines Leistenbruchs drei Tage im Spital, heute könnte man dank des medizinischen Fortschritts gleichentags nach Hause. Die Behandlung kostet für allgemein Versicherte stationär 4’500 Franken, ambulant 3’000 Franken. Trotzdem wird immer noch zu häufig stationär behandelt. Eine Verlagerung in den ambulanten Bereich wäre also gesamtwirtschaftlich sinnvoll, nur will es die aktuelle Finanzierungspraxis, dass stationäre Behandlungen zu 55 Prozent vom Kanton bezahlt werden, ambulante Behandlungen allein von den Versicherern. Also würde eine Verlagerung in den ambulanten Bereich faktisch zu Mehrkosten für die Krankenkassen und die Prämienzahler führen, was absurd ist. Mit EFAS und einer einheitlichen Finanzierung würden alle gleichermassen von den Einsparungen profitieren, die Kantone, die Versicherer und letztlich die Versicherten und Steuerzahler.


Vor allem in der Westschweiz machen sich immer wieder Politiker für eine Einheitskasse stark. Was spricht dagegen?

Der Wettbewerb im Gesundheitswesen ermöglicht den Versicherten, eine Auswahl zu treffen. Ist mir Service wichtig? Oder will ich einfach die billigste Variante? Wo stimmt das Gesamtpaket mit den Zusatzversicherungen? Ich finde, Vielfalt ist besser als Einheitsbrei. Zudem bin ich überzeugt, dass eine Einheitskasse zu höheren Verwaltungskosten und weniger Innovation führen würde, weil die Konkurrenz fehlte. Sie würde also zu mehr Kosten führen statt zu weniger, wie immer behauptet wird.


Wie steht santésuisse zur Pflegeinitiative zur fachlichen und finanziellen Besserstellung des Pflegeberufs?

Wir denken wie der Bundesrat, dass die Initiative unnötig ist. Verglichen mit dem Ausland geniesst die Pflege in der Schweiz einen guten Status: Auf 1’000 Einwohner kommen 17 Pflegende – das ist international spitze. Auch die Einkommen bewegen sich im Mittelfeld der Schweizer Löhne. Hingegen würde eine Annahme der Initiative oder des aktuellen Gegenvorschlags Mehrkosten in Milliardenhöhe bedeuten.


Zur Person

Heinz Brand ist seit 2015 Präsident des Branchenverbands santésuisse, der auch ÖKK vertritt. Zudem sitzt der Bündner seit 2011 für die SVP im Schweizer Nationalrat und ist derzeit zweiter Vizepräsident. In Bundesbern ist der Gesundheitsund Migrationsexperte unter anderem Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit. 


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